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Werk: Endstation Erkenntnis

  1. #1
    Autor Avatar von Tobi
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    Endstation Erkenntnis

    Endstation Erkenntnis

    Regen. Regen klopft. Prasselt. Monoton. Unermüdlich. Nur das beständige, sich fortwährend wiederholde dumpfe Rattern der schweren Eisenräder auf den Schienen kämpfte dagegen. Das Abteil war leer. Kalter Zigarettenrauch lag noch dünn in der Luft und verriet von Menschen, die hier waren, saßen, redeten. Nun war es still. Mal schien das Rattern zu gewinnen, dann wieder brauste stärkerer Wind auf und versuchte den Wagon samt Schienen davon zu spülen.

    Denis blickte stumm aus dem Abteilfenster. Tropfen peitschten in Bindfäden an die Scheibe, verbanden sich zu dicken Tränen, die langsam hinabflossen und unten angelangt vom Fahrtwind weggerissen wurden. Die Landschaft rannte vorbei, schaute trostlos fremd. Grün, mal braun, mal grau. Mal war sie klar, mal verschwamm sie und mal war es keine Träne, die an der Scheibe, sondern an Denis hinablief.

    Der Zug könnte fahren, immer weiter. Beständig in eine Richtung. Ohne Ziel. Er bräuchte nie ankommen. Nur fahren. Von hier ins Dort und vom Dort ins Jetzt. Doch der Schmerz reist mit, egal wohin man geht, egal wie weit man geht. Könnte man ihn einfach am Bahnhof zurück lassen. Man steigt ein, die Tür schließt sich, der Zug fährt an, man entkommt. Doch unsichtbar huscht er durch die Tür und setzt sich, kauert sich mit uns auf den Platz, den wir wählen, schaut aus unseren Augen in die Ferne.

    „He, Sie! Ihre Fahrkarte!“ sagte die Schaffnerin, die Denis an der Schulter rüttelte. Sie stand wohl schon eine ganze Weile da. Denis war jedoch so in Gedanken versunken, dass er sie nicht bemerkt hatte. Er zuckte zusammen, als sie ihn anfasste.
    „Oh, verzeihen Sie...“ sagte er verstört und suchte in seinem Portmonee.
    „Wohin fahren Sie?“ fragte die Schaffnerin. Denis schwieg. Jedoch nicht, weil er keine Antwort geben wollte, sondern konnte. Es war ihm entfallen und er tat so, als hätte er nichts gehört. Er reichte die Fahrkarte, ohne die Schaffnerin anzusehen. Sie prüfte sie gründlich, dann reichte sie sie wieder zurück. „Geht es Ihnen gut?“
    Denis blickte zu ihr auf, nickte leicht und sank die Augen, nahm die Karte und blickte wieder zum Fenster. Die Schaffnerin schüttelte den Kopf, aber so, dass es Denis nicht bemerkte, und verschwand lautlos wie ein Geist aus dem Abteil.
    Der Regen wandelte sich in Schnee, der alle vorbeihuschenden Bäume, Hügel und Täler bereits bedeckt hatte. Das Toben draußen war verschwunden, schien erstickt. Selbst der Zug rüttelte nun Denis scheinbar leiser auf seinem Platz hin und her. Oder ihm kam es nur so vor, denn die Fahrt wurde langsamer. Der Zug bremste und metallisches Quietschen durchdrang das Mark. Ächzend rollte er in einen leeren kleinen Bahnhof. Die Bahnhofsuhr war stehen geblieben und ihr Glas gesplittert. Denis kam sich wie in einem alten schwarz-weiß Film vor. Alles was hier von Leben zeugte waren Schritte und Spuren im Schnee. Als wäre die Zeit stehen geblieben, der Ort ausgestorben. Denis fragte sich, ob hier überhaupt jemand lebte und war zugleich erstaunt, dass der Zug hier hielt. Es dämmerte bereits und die Laternen verbreiteten ein gelblich glitzerndes Licht über der Schneedecke. Auf einer Bank, halb im Schatten, saß ein kleiner Junge, den Denis bemerkte. Er war vielleicht 10 oder 12 Jahre alt, hatte einen dicken dunkelblauen Anorak an und ein breiter roter Schal bedeckte seinen Hals. Er saß da. Einfach so. Kein Mensch weit und breit. In der Hand hielt er eine Kerze. Sie war halb abgebrannt jedoch erloschen. Als der Zug endlich zum stehen kam, schaute er auf. Eine Türe öffnete sich. Eine Frau mit Hut stieg aus und blieb verwundert stehen, als der Junge von der Bank aufsprang und zu ihr rannte. Sie umarmten und küssten sich.

    Die Tür schlug mit einem lauten Krach zu. Der Zug ruckte zweimal, dann rollte er an, eilte förmlich aus dem Gespensterbahnhof . Obgleich Denis nun ein gänzlich anderes Gefühl verspürte. Die beängstigende Fremde hatte sich in ein vertrautes Gefühl der Geborgenheit verwandelt. Doch der Zug fuhr immer schneller. Bald waren keine Lichter mehr aus dem Abteilfenster zu sehen und finstere Nacht verschlang die Landschaft wie eine große Schlange.
    Wie eine Schlange, dachte Denis. Müde schloss er die Augen und der erlebte Tag lief in seinen Gedanken zeitlupenartig ab. Da war auch wieder dieses Gefühl, es kroch langsam an seinem Herz hinauf, schnürte sich um seinen Hals und peitschte in seinen Kopf. Machtlosigkeit gegenüber dem Leben in seinen Facetten und Tiefen. Das war also das letzte mal, dass er seinen Freund gesehen hatte. Es gab kein nächstes mal, es gab kein Wiedersehen, nie mehr. Dabei wäre noch soviel, was man sagen könnte. Da ist noch ein ganzes Leben, das man zusammen hätte gehen können. So viele Jahre, so viele Erinnerungen, die man teilen könnte. Jetzt hat man Zeit, zuzuhören. Man spricht, doch es bleibt stumm, man hört, doch es ist still. Vieles ist plötzlich anders. Diese Erkenntnis erreicht man meist dann, wenn es zu spät ist. Zu spät um etwas zu ändern, zu spät um SICH zu ändern. Einfach nur Sprechen, dass hätte geholfen. Doch jetzt zermürbt das Schweigen, der Mechanismus der Zukunftsuhr mit jedem Tick und jeder Verzahnung der Räder, die Seele. Lässt einen allein. Allein mit seinen Gedanken, Antworten und Fragen, die man noch gehabt hätte. Das Leben scheint zu kurz um kompliziert zu sein. Würde man immer so handeln, wie man wirklich wollte, würde man sich freier fühlen. Doch wir geben uns Regeln und manchmal sind sie gut. Doch welche Regeln bestimmt der Stolz? Manchmal gibt es kein Richtig. Oft gibt es kein falsch. An Regeln, die wir uns selbst machen kann man zerbrechen. Um so mehr wir darüber denken desto plausibler werden sie uns. Wir stellen sie über alles, auch über uns selbst. Plötzlich ist die Zeit da, der Druck genommen, gegen den wir mit aller Macht die Wand aufgestellt haben. Er ist abgeprallt und verschwunden. Gleich einem Wettrüsten – es endet in der Lächerlichkeit. Doch über sich selbst lacht man nicht. Man nimmt Stein für Stein von der Mauer – schweigt. Ebenso schweigt uns das Grab an, vor dem wir knien. Hilflos fragend lässt es uns zurück. Mit der Gewissheit mit unserem Schuldgefühl zu leben.
    Das Schweigen dunkler Nacht legte sich erlösend über Denis’ Glieder und ließ ihn in einen traumlosen Schlaf sinken.

    Warme Sonnenstrahlen weckten Denis am Morgen im Gesicht. Er blinzelte müde aus seinem Abteilfenster, streckte sich, während der Zug ein Zischen von sich gab. Er stand in einem Bahnhof. Draußen herrschte geschäftiges Treiben. Leute liefen umher, Gepäck wurde ab- und antransportiert, Taschentücher wurden zum Abschied hochgehalten, Küsse durch die Luft geschickt. Die Abteiltür öffnete sich, ein Ehepaar kam herein. Sie verstauten das Handgepäck und setzten sich ein paar Sitze vor Denis tuschelnd nieder. Der Schaffner Pfiff und der Zug rollte erneut an. Winkende Menschen liefen noch ein paar Meter nebenher. Nun war es nicht mehr weit bis Nachhause, wusste Denis. Es war wärmer, draußen sangen Vögel Lieder von schönen Tagen, die noch kommen würden. Bäume trugen Knospen für ein neues Jahr voller Leben. Neue Hoffnung, wie ein Brief der Begnadigung, erreichte Denis durch diese warme, verheißensvolle Kraft. Er fühlte sich wie ein Pionier der neuen Zeit, der neuen Boden hinter unbekannten Grenzen entdecken kann. Die erste Grenze, die er brach, war in seinem Kopf und er entdeckte dahinter sein Leben. Ein neues Leben. Gleich dem Beginn eines neuen Jahres. Der Frühling voller Ideen, die im Sommer Früchte tragen werden. Wie der Baum vom letzten Jahr noch weiß, in welche Richtung er weiter wachsen muss, so kann man sich selbst die Richtung geben. Oder darüber nachdenken, ob sie richtig ist. Das sah Denis deutlich. Dieser Tag war nur für Ihn bestimmt. Er fühlte sich erholt. Zwar verspürte er noch Trauer in seinem Herzen, doch wusste er, dass er Sie wie ein Geschenk in einer Ecke seiner Seele aufbewahren musste. Denn von nun an würde er sein Leben ändern. Mit den Menschen sprechen.

  2. #2
    Frischling Avatar von Tova
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    Das ist echt eine wunderbare Geschichte Tobi. Mein allergrößtes Kompliment! Ich mag deinen Schreibstil echt, wie du mit wenigen Worten die Stimmung so heraufbeschwörst, unüberseh- und fühlbar.
    Außerdem mag ich es wenn es sich lohnt, eine Geschichte zu lesen, so wie hier ... so traurig, entmutigend und erdrückend der Text erst ist, alles lohnt sich, denn das Ende ist wunderbar erhebend. Manche sagen, ich bin naiv weil ich Happy Ends liebe, aber das stimmt nicht, darum geht es nicht. Ich liebe es lediglich, wenn ein Text ERHEBEND ist, wenn ich mich ermutigt und wie neu geboren fühle. Und das schaffst du, mit deinen Texten. You lift me up!!
    Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Hals zu schaffen. ~ Johann Wolfgang von Goethe

  3. #3
    schnuppert ein wenig Avatar von Tilo
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    Die Meinung von Tova kann ich schonmal teilen. Es ist wieder mal, wie von dir erwartet , sehr schön geschrieben und eine großartige Botschaft steckt dahinter. Naturerscheinungen sind wirklich schön mit den Gefühlen verbunden, was ich sehr an Texten mag. Doch trotzdem muss ich leider sagen, dass ich persönlich fand, dass die Stimmung des Textes zum Anfang sehr stark aufgebaut war, aber dann in der Mitte plötzlich sank. In der Mitte war es mir etwas komisch, da man plötzlich vom Zuggeschehen zu der Erinnerung an den Freund geworfen wurde und dann das Problem offen dargestellt wurde. Das fand ich kam etwas zu schnell und nahm das Ende etwas weg. Ist aber nur meine Meinung! Mit dem letzten Absatz stieg dann wieder alles. Wieder mal eine schöne Kurzgeschichte!

  4. #4
    Autor Avatar von Tobi
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    Danke... Freut mich, wenn es gefällt.

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