Herbsttag

Der Morgen dämmerte. Graue Nebelschwaden zogen über Wiesen und Bäume, hüllten sie in silbrig glitzerndes Nass. Zitternd lag Branko auf der kahlen Pritsche in seiner Zelle. Sein Blick richtete sich leer gegen die schmutzig graue Zellendecke. Mit seinen Armen hielt er sich fest, seine leicht bläulichen Lippen zitterten wie bei einem weinenden Kind. Das Frieren kam nicht nur von der Kälte, sondern von dem fehlenden Schlaf der vergangenen Nächte.

Er stand auf – es war noch früh, vermutlich nicht später als fünf Uhr morgens. Er sah aus seinem Zellenfestern hinaus auf das Tal, verfolgte den Nebel und verspürte neben der Furcht auch ein beruhigendes Gefühl der Erlösung in dieser Dämmerung. In dieser Dämmerung, die sich lähmend am Horizont über den Nebel erstreckte. Gähnend mit orange-roten Feuerzungen den Nachthimmel beleckte – aufriss und verschlang.

Nur wenige Stunden. Bestehend aus unzähligen zähen Minuten, die doch so kostbar wie gleichzeitig unnütz erschienen. Dabei wäre es so leicht gewesen. War es Egoismus? Stolz? Oder Aufrichtigkeit? Sie stürzten sich auf ihn wie Wölfe, die Blut geleckt hatten. Gefesselt, geschlagen, bespuckt, beschimpft, erniedrigt, getreten, verspottet, ausgestoßen, verachtet. So funktionierte die Welt. Hatte man einen Schuldigen, brauchte man sein eigenes Leben nicht zu ändern.

Branko sah im Nebel kleine Bäume. Die Konturen unscheinbar und verschwommen. So, dachte er, sehen ihn irgendwann seine beiden Kinder, - seine wundervolle Frau. Als eine dahinwelkende, blasse Erinnerung, an Spiele auf einer Sommerwiese, an Lachen aus fernen Tagen. Und doch, durfte er all dies erfahren. Ganz egal was andere ihm antun würden, seine Erinnerung, seine Gefühle konnten sie ihm nicht nehmen. Vielleicht ist es das einfache Ziel ein Leben lebenswert zu nennen, wenn man es, wie er, in allen Facetten sehen und erleben durfte.

Er wandte sich fröstelnd vom Fenster ab und ging zu der kleinen Toilettennische. Ein kleiner, in der Mitte gesprungener, Spiegel hing dort über einem gelblichen Handwaschbecken. Zwei unrasierte Gesichter blickten ihn daraus an. So als warteten sie. Fragend. Stumm. Blass. Mit dunklen Ringen unter den Augen. Branko hatte das Gefühl, als würde er lächeln, doch seine Gesichter verzogen keine Mine. Sie glotzten mit müden Augen wie ein kalter Stein in die Leere. Das dunkelbraune Haar ungewaschen, zerzaust. Kam es darauf an? Vergessenheit und die Fremde sind die Freunde, die nicht auf Details achten. Er streichte mit seinem Zeigefinger über die Augenbrauen der wartenden Gesichter vor ihm und flüsterte „Ich habe immer versucht ein guter Vater zu sein und ich bin stolz zwei Jungs wie euch zu haben.“ Dann nahm er beide Hände auf seine Brust, schloss die Augen, während er sich wieder auf die Pritsche niederließ, und summte das Lied des ersten Tanzes mit seiner gerade angetrauten Frau ...

Als wären gerade nur fünf Minuten vergangen, weckte ihn ein Gefängniswärter, in dem er ein Tablett durch einen Schlitz in der Tür herein schob.
„Schläfst du immer noch?! Hier, gutes Essen!“
Die Klappe schlug mit einem schweren metallischen Geräusch zu. Branko tanzte noch in einem Saal, die Leute und Gesichter verschwammen. Er drehte sich immer schneller im Kreis – Farben, Bilder und Geräusche huschten an ihm vorbei, als würden sie rückwärts durch die Zeit gezogen. Mitten im Wirbel um sich kam er zum stehen. Die Bilder hatten sich zu wirren Farbgemischen wie ein Trichter um ihn geschlossen. Das Einzige, was er erkennen konnte, waren Gesichter, die ihn aus vielen gesprungenen Spiegeln leblos anglotzten. Sie kamen auf ihn zu. Er schlug nach ihnen. Sie brachen, splitterten in große und kleine Scherben, die zu Boden fielen. Seine Sinne kehrten wieder zurück in die Zelle – heraus aus tanzenden Menschen, weg von säuerlichen Wein auf seiner Zunge und weg von den Scherben, in denen sich Wünsche wiederspiegelten.

Die Sonne, die durch sein Fenster fiel, hatte schon längst allen Nebel vertrieben. Er richtete sich auf, ging zu der Tür, hob die Bedeckung des Tabletts. Entenkeule, mit schöner brauner, gewürzter Haut, Blaukraut, das angenehm duftete, daneben gekochte Kartoffeln, die sogar noch dampften. In einem Schälchen weiter hinten war grüne Götterspeise.

Mit einem Lächeln ließ Branko die Abdeckung wieder sinken „Götterspeise“ murmelte er und sein Blick schweifte wieder aus dem Fenster. Die kahlen jungen Bäume schienen wie ein Sinnbild für das Vergängliche. Hätte er sich selbst verraten, wäre er vermutlich davon gekommen. So einfach, wie es sich so viele machen. Können Prinzipien über alles stehen? Können andere deswegen über gut und böse urteilen? Kann man sonst leben, mit einer Schuld, die das verrät, woran man im Herzen glaubt?
Möchte man weinen oder vor Wut lauthals schreien?
Branko tat nichts dergleichen, sondern hielt nur stumm mit einer Hand das Gitter an seinem Fenster. Blickte in die Ferne.

Einige Zeit darauf kamen Männer. Die Zelle Wurde aufgesperrt. Sie fesselten Brankos Hände auf dem Rücken und gingen mit ihm hinaus. Hinaus zu einem Platz, wo wichtige Männer waren, - warteten. Branko musste sich hinknien, die Hände noch immer auf den Rücken gefesselt. Einer gab ein nickendes Zeichen und die Guillotine stürzte mit einem schweren Laut hinab.