PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Schlaglicht



Tobi
09.11.2011, 09:42
Schlaglicht

Marcs Kopf schmerzte, dabei hatte er den ganzen Abend noch nichts getrunken. Die Musik wurde ihm zu laut und hektisch. Sein Herzschlag wehrte sich dagegen und schon bald gelang es ihm nicht mehr zu lächeln. Als die Ersten fragten, was denn los sei, beschwichtigte Marc eindringlich mit aufgesetztem Lächeln: „Nichts, nichts – was soll sein?“
Doch schon bald hatte er nicht mehr die Kraft sich gegen das Unbehagen und eine wachsende innere Düsternis zu wehren. Er musste raus. Schnell. Es gelang ihm unbemerkt zwischen tanzenden und singenden Menschen vorbei zu schleichen. Er drückte sich an Stühlen vorbei, durch gellendes Gelächter und blitzendes Licht hindurch. Gefangen wie in einem Traum, in dem die Zeit zu schnell läuft. Taumelnd bekam Marc einen Türgriff zu fassen und hielt sich daran fest. Die Tür war unverschlossen. Ohne zu zögern öffnete er und schlüpfte durch einen kleinen Spalt. Er schloss die Tür hinter sich und stand in einem kleinen dunklen Raum. Rettende Stille umgab ihn. Er tastete nach dem Lichtschalter, fand ihn aber nicht. So blieb Marc eine Weile stehen. Durch ein Fenster fiel fahles Licht in den Raum. Aus weiterer Ferne war nur noch dumpfes Stampfen von den Bässen der Musik zu hören. Autos starteten, Satzfetzen von vorübergehenden Menschen verebbten hinter Mauern. Scheinwerferlicht fiel ziellos suchend durch das Fenster in den Raum, um im nächsten Moment durch eine Wand zu verschwinden. Dabei entdeckte Marc den Lichtschalter, auf den er rasch drückte. Es verbreitete sich ein schummeriges Licht, dass nicht den ganzen Raum auszuleuchten vermochte, obwohl er winzig war, wie Marc feststellte. Offenbar eine Art Gästeraum, mit einem Bett darin, ein Stuhl und ein Tischchen, dass wohl noch aus Beständen der Vorkriegszeit stammen musste – zumindest sah es danach aus. Endlich wurde es Still, als weitere ankommende Autos abgeschaltet wurden und wieder andere davon fuhren. Marc hielt sich den Kopf, als denke er nach und setzte sich auf den Stuhl, schloss die Augen. – Stille.

Still wie die Zeit wandert. Mit ihr die Gedanken, die sich nicht um das Heute drehen, sondern die Vergangenheit immer wieder nach Nahrhaften absuchen. Sich verzweifelt an Bilder aus vergessenen Tagen klemmen, aus Angst vor der Zukunft. Vergangene Zeit. Still wenn man horcht, wie ein Sonnenuntergang unendlich schön. Unendlich weit entfernt, so kommt einen die Seele in der Sonne vor, die man aus dem Schatten betrachtet. Sie birgt die Wärme eines schlafenden Menschen in sich. Zart und beruhigend, selbst wenn man Worte des Zorns spricht, der Anblick stimmt sanft und will vergessen machen. Vergessen – meist die einzige Flucht, die bleibt um das Jetzt zu ertragen. Jagt man doch Tag für Tag Illusionen nach. Was bleibt am Ende? Was bleibt am Ende eines Jahres davon übrig? Die Erkenntnis? Die Erkenntnis, dass sich Träume im Ozean der Zeit verlieren? Wie kleine Papierschiffchen, die man als Kind in den Bach setzte, ihnen hinterher läuft, sich daran freut und ihnen nachsieht, wenn sie immer schneller vom Wasser getragen werden, um schließlich hinter Biegungen zu verschwinden. So werden Gedanken von der Zeit getragen. Manche sind schon so weit auseinander getrieben, dass man nicht mal mehr die Erinnerung hat, sie je gedacht zu haben.

So starrte Marc reglos aus dem Fenster auf einen alten Apfelbaum, der draußen bläulich von einer Laterne angeleuchtet wurde. Ein Blatt, dass der Herbstwind vergessen hatte, hing an einem seidenen Faden vor dem knorrigen Stamm. Es drehte sich langsam, mal schneller, wie eine Schraube und zauberte im Laternenlicht einen tanzenden Schatten an den Baum, der fröhlich umhersprang. Blaugrüne Bilder von einem Sommergewittertag drangen in Marcs Erinnerung und ließen ihn mit Blitzen und einsetzendem Regenprasseln in der Zeit zurück wandern ... Er sah seinen Heimatort, stand unter einer offenen Garage. Der Regen entlud sich mit aller Gewalt auf das rostige Wellblechdach. Es war so laut, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte. Miriam trat aus der Garage in den Regen. Marc wollte sie zurückhalten, doch da war sie schon draußen und rief: „Komm Marc! Der Regen ist herrlich warm!“
Sie tanzte, drehte sich mit ausgestreckten Armen und lachte der graue Wolkendecke entgegen. Marc sah in ihr eine Göttin. Wie sie so da stand in dem smaragdgrünen Kleid, ihre blonden Haare offen, die bis an die Taille reichten, mit einem Lächeln, dass den trübsten Tag warm erleuchten konnte. Vielleicht stellte man sich so Engel vor, dachte Marc. Die Anmut und Reinheit, die von ihr ausging, schien die Umgebung zu erfüllen und lies die Gewalt des Regens wie ein Geschenk der Schönheit wirken. Marc war erfüllt von diesem herrlichen Moment bis ein Flüstern ihn wie eine eisige Hand von hinten am Rücken fasste. Doch als Marc sich umdrehte sah er an der hintern Garagenwand nur eine Spinne in ihrem Netz. Sie war groß, hatte lange haarige Beine und ihr pelziger Körper eine lederartige braunschwarze Färbung. Er betrachtete sie, wie sie in ihrem kopfgroßen seidenen Geflecht reglos lauernd hockte. Im Zwielicht schienen ihre schwarzen Augen kalt bläulich zu schimmern, so das Marc ein Schaudern überkam. Der Regen wurde immer leiser und das monotone Flüstern wandelte sich in Worte. „...Vater unser im Himmel ...“ klangen Stimmen, offenbar ganz in der Nähe. In der linken Garagenwand war ein großes Loch, dass Marc bis dahin nicht bemerkt hatte. Er trat heran, bückte sich und steckte seinen Kopf hindurch. Er sah eine kleine hüglige Wiese, die ihm auf gewisse Weise bekannt vorkam, aber ein Unbehagen wachrief, dass er schon lange vergessen glaubte. Gespenstischer Nebel verschmolz mit dem Boden zu irrealen Gesichtern aus vergangenen Zeiten. Eine Gruppe von schwarz gekleideten Menschen stand dicht gedrängt an einem Hügel. Miriams Sarg wurde langsam hinab gelassen „... dein Wille geschehe ...“
Aus der kleinen Gruppe erhob sich ein Kopf in die Richtung von Marc, als wäre er bemerkt worden, und blanker Hass traf ihn durch diese Augen wie ein Faustschlag.

Marc zuckte auf dem Stuhl zusammen. Er war für kurze Zeit eingenickt. Die reale Welt hatte ihn schnell wieder. Sie erschien ihm kalt und grenzenlos – ja, sogar maßlos in den Dingen, die Menschen tun. Dabei begann ein neues Jahrtausend! Eigentlich ein Grund sich zu freuen, zu feiern, zu trinken und zu tanzen! 2000 Jahre Zivilisation! – Nun, Zivilisation mehr oder weniger ... Doch immerhin ging von dieser Zahl eine seltsame Magie – ja, Mystik aus. Viele, auch alte Völker, haben den Weltuntergang zu diesem Zeitpunkt vorhergesagt. Doch Marc hielt dies eher für leere Versprechungen ... Andere, auch Freunde von ihm meinten, dass sie ein neues Leben anfangen würden, manche wollten eine Versicherung abschließen und wieder andere eine Existenz Gründen. Marc hielt das für Blödsinn. Die Welt wird nicht aufhören sich zu drehen – noch nicht. Der Bericht im Fernsehen über die hungernde „dritte Welt“ wie gewohnt für Katzenfutter-Werbespots unterbrochen, und das Jahr „00“ zur alltäglichen Ergänzung der Überweisungsträger. Was soll daran noch mystisch sein? 2000 ist ungefähr so mystisch wie die Nummer auf dem Personalausweis, fand Marc. Mystisch kommen einem eher die Menschen selbst vor. Viele scheinen zu wissen, was gut für einen wäre, doch niemand hat mehr Zeit für den anderen, weil jeder mit sich selbst vereinnahmt ist. Wer sind die Freunde von einst? Und wo sind sie? Manche sind gegangen, und manche sind gestorben, doch das Schweigen bleibt oft gleich laut. Und oft gibt man Unsinn Sinn, um zu rechtfertigen. Manche gar ihr Leben für fremden Idealismus. Doch die Wirtschaft muss schließlich expandieren und das geht dort am besten wo sie vorher zerstört wurde. Wen kümmert ein einziges Schicksal? Verlorene Liebe? Gewonnene Pokale?

Die Tür sprang auf und riss Marc aus seinen Gedanken.
„Da steckst du ja! Wir haben dich schon überall gesucht und uns schon Sorgen gemacht! Was tust du hier? Es ist gleich Mitternacht!“
„Ich hatte Kopfschmerzen und da ...“
„Trink halt nicht soviel! Komm’ mit raus und stoß’ mit uns auf das neue Jahrtausend an!“
„Okay, okay. Ich komme gleich.“ Erwiderte Marc wenig fröhlich gelaunt.
„Hey, Marc, was ist dein Problem?“
„Mein Problem? Hast du dich mal gefragt, was dir wirklich wichtig ist?“
„Wie meinst du das?“
„Nun, eben wie ich es sage. Was ist dir wirklich wichtig im Leben?“
„Hm, ja also ich weiß nicht, da kann ich nicht so spontan eine Antwort drauf geben, habe ich mir nie so richtig überlegt. Hast du heute an Sylvester keine anderen Gedanken?“
„Wieso, was liegt denn näher, als sich Gedanken über sein weiteres Leben am Anfang eines neuen Jahres zu machen? Ist es nicht schade, dass man so wenig von anderen weiß? Ich denke, du hast mir schon eine Antwort gegeben. Vermutlich lassen wir unser Leben zu sehr von außen bestimmen, ohne dass wir noch Kontrolle über unser Handeln haben, weil es ja immer Konsequenzen birgt. Es scheint fast so, als könnte man es nur in grobe Richtungen lenken. Aber weißt du was? Ich freue mich auf alle kommenden Jahre! Lass’ uns einen trinken gehen!“