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Tobi
09.11.2011, 09:37
Kleine Regenbögen

Wind hauchte kalt über nasses Grass und ließ gelbrote Blätter von zittrigen Ästen zu Boden sinken. Große Bäume ragten erstorben in düsteres Morgengrauen, dass sich still über den Teich legte und langsam nach vorn tastete. Das Wasser war glatt und unmittelbar darüber sammelte sich seichter Nebel, der gespenstisch umher schlich. Dann bildeten sich kleine Ringe auf dem Wasser und Peter bemerkte, dass es zu tröpfeln begann, als ein kalter Spritzer auf seiner Nase landete.

„Junge, was machst du denn hier draußen? Wir haben dich schon gesucht!“
„Ach Großvater, kannst du nicht machen, dass die Sonne scheint und die Vögel wieder singen?“
„Nein, Junge, das kann ich leider nicht. Aber ich kann dir eine Geschichte erzählen.“ Der Großvater ging auf Peter zu, streichelte mit seiner großen rauen Hand über Peters traurigen Kopf und begann mit dunkler, vertrauter Stimme zu erzählen:
„Bevor die Träume zu Schnee erstarren und träge auf die Erde hinabsteigen um im Dunkel zu verschwinden, tragen Vögel ihr Licht hinauf zum Regenbogen. Deswegen sind die Vögel unsere Freunde. Magst du denn den Regenbogen, Peter?“
„Ja, Großvater.“
„Siehst du. Alle Menschen mögen den Regenbogen, weil er so schön in seinen Farben leuchtet. Und manchmal ist er so nah, dass man ihn anfassen könnte – aber er lässt sich nicht fangen. Dann ist er so groß, dass ihn alle Welt sehen soll und ein anderes mal leuchtet er nur für dich allein über einem kleinen Baum im Garten. Wenn Menschen ihn sehen, möchten sie am liebsten nicht mehr wegschauen und dabei an ihre Träume denken und sie weiter träumen. Doch sie haben keine Zeit. Selbst im Traum verfolgen sie Termine und müssen sich um ihre Arbeit kümmern. Das kann den Tag so grau wie heute machen. Kalt und lieblos. Plötzlich stellt man fest, dass es ganz still um einen herum ist. Dann schaut man auf und sieht Trostlosigkeit, alles ist fremd – wo doch eben noch Kinder spielten, die Sonne schien und man in mitten regen Lebens stand. Schau’ mich an, mein Junge. Ich bin so alt und frage mich, wo die Zeit geblieben ist.“
„Großvater, wo sind die Vögel jetzt?“
„Die Vögel sind zum Regenbogen geflogen, um ihm zu sagen, dass die Menschen ohne ihn traurig sind und ohne Farben der Tag grau ist. Nur die Raben bleiben bei uns auf den Feldern und schauen geduldig was wir tun, damit wir nicht alleine sind. Manchmal rufen sie uns, und wenn man sie dann ansieht lächeln sie nicht – sie starren nur geheimnisvoll wissend zurück.“
„Werden die Vögel denn den Regenbogen auch finden, Großvater?“
„Ja, mein Junge. Sie wissen ganz genau wo er ist. Und wenn sie ihm gesagt haben, dass er gebraucht wird, wird er sich sehr freuen. Er war gewiss traurig weil die Menschen ihm immer weniger Beachtung schenkten.“
„Ich freue mich, wenn der Regenbogen und die Vögel wieder zurück sind. Ich werde ihn bestimmt lange ansehen und den Vögeln zuhören, wie sie mit ihm reden.“
„Da wird er sich bestimmt freuen, Peter.“
Der Großvater nahm Peter an der Hand, streichelte über seine wuschligen braunen Haare und sagte: „Nun komm. Die Oma hat heiße Milch und Honig zum Frühstück gemacht.“
„Großvater?“
„Ja?“
„Ich hab’ dich lieb.“

Sie gingen hinunter zum Haus. Das Tröpfeln wich feinem Nieseln und in der düsteren Wolkendecke machten sich Risse bemerkbar. Dahinter lunzte die Sonne mit sanft lächelnden Strahlen hervor und der Großvater lächelte zurück und sagte: „Ich weiß. Du bist mein kleiner Regenbogen.“

bilquis
30.01.2013, 01:38
Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Ich mußte an meinen Großvater denken, der sehr gern mit mir spazieren ging.
Leider weiß ich das nur aus Erzählungen. Er starb als ich drei Jahre alt war.